Still aus: Aus westlichen Richtungen, Juliane Henrich, 2016
Filmprogramm kuratiert von Florian Wüst

Industrieller Fortschritt und Urbanisierung brachten spätestens zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen gewissen Wohlstand auch für die Arbeiterschaft hervor. Mit dem Rückbau des Sozialstaats – in Deutschland durch die sogenannte Agenda 2010 – spitzt sich die soziale Frage im Kapitalismus wieder zu. Städte werden wie Unternehmen geführt, Gemeingüter privatisiert, gewachsene Nachbarschaften durch Verwertungsinteressen verdrängt. Hiergegen stehen die von immer mehr Mieter-, Garten- und Stadtteilinitiativen vertretenen und praktizierten Forderungen nach einem „Recht auf Stadt“. Denn das, was die Städte lebenswert macht, wird von allen Bewohnern hergestellt. Das Filmprogramm von Nicht mehr, noch nicht nähert sich den aktuellen und zukünftigen Bedingungen des Zusammenlebens in Stadt und Land aus einer Vielzahl von Perspektiven auf Bild und Wirklichkeit gesellschaftlicher Prozesse. Im Rückblick auf die Wohnprobleme und städtebaulichen Konzepte der 1960– 80er Jahre in Ost und West sowie auf die vielfältigen Migrationsbewegungen seit Mauerfall entsteht ein historischer Bogen, der trotz allem das Urbane als ein Potential beschreibt, den Konflikten einer sich immer weiter individualisierenden und diversifizierenden Gesellschaft zu begegnen. Die von Florian Wüst kuratierten Kurzfilme und abendfüllenden Dokumentar- und Spielfilme werden durch zwei Gastbeiträge ergänzt: Janina Kriszio und Cornelia Lund reflektieren die besonderen künstlerischen und aktivistischen Mittel der stadtpolitischen Kämpfe von unten im Hamburg der letzten Jahrzehnte. Gerhard Wissner Ventura zeigt unter dem Titel Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause eine Auswahl an Kurzfilmen zum Thema Stadt, die beim Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest, einem langjährigen Partner von Werkleitz im Rahmen des A38 Stipendiums, zu sehen waren.

demo_lition © Doro Carl, Claudia Reiche
1.10. 18:00 bis 31.10. 22:00 Schleifweg 6
demo_lition

Videorama Oktober 2017

Im Zuge städtebaulicher Nachverdichtung und Gentrifizierung bieten zahlreiche Abrisse ein Spektakel präziser Zerstörung, von dem sich Schaulustige oft kaum losreißen können. Kollektiver Protest entsteht als Ausnahme. Stattdessen: Bewunderung für die unwahrscheinliche Kraft der Abrissgeräte oder gebanntes Entsetzen vor dem Anblick des Rückbaus. Der Experimentalfilm aus dokumentarischem Material von verschiedenen Baustellen und Interviews mit Betroffenen konstruiert einen neuen visuellen Raum, der mit einem Hörraum verschiedener analytischer und emotionaler Äußerungen in eine fragile Konstellation gebracht wird. Den Gegenstand des Films bildet die ungewisse Zone zwischen den spektakulären und den unanschaulichen Seiten des Kapitalismus.

22.10. 17:00 Festivalzentrum
Terrible Houses in Danger

Als eine der beliebtesten und zugleich teuersten Städte Deutschlands bildet Hamburg keine Ausnahme, was die Auseinandersetzung um städtischen Wohn- und Lebensraum angeht. Die Diskussion um das „Recht auf Stadt“ wird dabei von einer breiten Szene aus verschiedenen Initiativen und Akteuren bestimmt, deren politische Aktionen sich durch großen Einfallsreichtum in Bezug auf die ästhetische Gestaltung auszeichnen. Das Kurzfilmprogramm Terrible Houses in Danger ist diesem Ansatz gewidmet, der in Hamburg auf eine längere Geschichte zurückblicken kann. Die frühe Phase des Häuserkampfes ab den 1970er Jahren wurde durch die Videoaktivisten des Medienpädagogik Zentrums Hamburg (MPZ) entscheidend geprägt. Der Titel Terrible Houses in Danger entstammt einem Videoklassiker des MPZ von 1985, der den Hausbesetzungen in der Hafenstraße nachdrücklich Stimme verleiht. Der Blick auf diese prominente Hausbesetzung wird durch kürzere Filme und Videos aus den letzten Jahren ergänzt, welche verschiedene Akteure und die von ihnen eingesetzten Mittel im stadtpolitischen Kampf von unten präsentieren – von der ironischen Anleitung zur Entwertung des eigenen Wohnumfeldes in Abwertungskit über das im Kampf um die Esso-Häuser entstandene Musikvideo Echohäuser-Song und den Crowdfunding-Trailer buy buy st. pauli bis zu Doro Carls und Claudia Reiches dokumentarischem Essay Bodenerhebungen über die Umwidmung eines großen Brauerei- und Bahnareals in Altona.

Kuratiert von Janina Kriszio und Cornelia Lund
Einführung und Moderation: Janina Kriszio, Cornelia Lund
Zu Gast: Doro Carl, Claudia Reiche

Abgefärbt, Fabian Fess, Gerrit Pawliczak, Kurt Pöschl, 2017
22.10. 20:00 Festivalzentrum
Abgefärbt

Freiimfelde befindet sich im Umbruch. Lange Zeit verlassen, vernachlässigt und vergessen, ist der Hallenser Stadtteil zum Experimentierfeld neuer Ansätze in der Stadtentwicklung geworden. Im bundesweiten Vergleich war Halle einst die Stadt mit dem höchsten Leerstand, wovon das durch den Hauptbahnhof von der Innenstadt abgeschnittene Freiimfelde besonders betroffen war. 2012 begann das Stadtgestaltungsprojekt Freiraumgalerie den Leerstand kreativ zu nutzen und Freiimfelde durch Graffiti und Street Art in eine städtische Leinwand zu verwandeln. Die Aktionen lokaler und internationaler Künstler rückten das Viertel zurück ins öffentliche Bewusstsein. Vier Jahre später scheinen die Voraussetzungen für eine langfristige Entwicklung geschaffen zu sein, die sich in der Ausgestaltung einer Brachfläche zum Bürgerpark durch engagierte Bewohner manifestiert. Der Dokumentarfilm Abgefärbt lässt involvierte Akteure zu Wort kommen und fragt nach Möglichkeiten und Grenzen von Bürgerbeteiligung angesichts der aktuellen Debatten um Zwischennutzung, Sanierung und Aufwertung innerstädtischer Wohn- und Lebensräume. Abgefärbt wird im Rahmen von Nicht mehr, noch nicht erstmals öffentlich vorgeführt und ist darüber hinaus in der Ausstellung des Festivals zu sehen.

Fabian Fess, Gerrit Pawliczak, Kurt Pöschl, DE 2017, 60 min
Einführung und Moderation: Daniel Herrmann, Florian Wüst
Zu Gast: Fabian Fess, Gerrit Pawliczak
Für das anschließende Publikumsgespräch sind Protagonisten des Films und stadtpolitische Akteure aus anderen Quartieren der Saalestadt geladen.

24.10. 20:00 Festivalzentrum
Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause

Herzstück des Kasseler Dokumentarfilm- und Videofestes sind die rund 30 Kurzfilmkompilationen, die jährlich von einem sechsköpfigen Team aus ca. 2.000 Einreichungen ausgewählt und kuratiert werden. Zur inhaltlichen Tradition des Kasseler Dokfestes gehört die Beschäftigung mit den Themenfeldern Architektur, Stadtentwicklung und Urbanität, die sich in Programmtiteln wie z. B. Wohnen im Quadrat oder StadtPlan: Trümmer der Zukunft widerspiegeln. Für das Werkleitz Festival 2017 wurden die zehn letzten Jahre des Kasseler Dokfest-Archivs nach passenden Arbeiten zu den Themen Stadt, Wohnen und Gemeinschaft befragt. Entstanden ist das Kurzfilmprogramm Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause, dessen Titel bei einem Anfang der 1970er Jahre in Westdeutschland erfundenen Werbeversprechen Anleihe nimmt, das bis zum heutigen Tag von allen Landesbausparkassen genutzt wird. Hier reduziert sich ein scheinbar individueller Traum auf einen gemeinsamen Nenner. Die internationalen Arbeiten des Programms setzen sich mit den Wohn- und Lebensräumen der Menschen auseinander. Sie fragen, wie sich Ideen und Realitäten dessen, wie wir im urbanen Raum wohnen sollen oder wollen, verändern. Kollektive und individuelle Wunschvorstellungen werden überprüft, der Zukunftsglaube von Architekten und die Wirkmechanismen des Kapitalismus kritisch hinterfragt und es wird darüber verhandelt, ob bewährte Muster und Modelle nicht einfach kopiert werden sollten.

Einführung: Gerhard Wissner

27.10. 19:00 Zazie Kino&Bar
Preis des Wohnens

Die Wohnungsfrage ist wieder da. Steigende Mieten und hohe Neubaukosten machen bezahlbaren Wohnraum zu einem seltenen Gut in den großen Städten. Seit jeher versagt die freie Marktwirtschaft darin, das Wohnungsproblem auch für einkommensschwache Haushalte zu lösen. Nur durch staatliche Investitionen, vor allem in Form sozialer Wohnungsbauprogramme, konnte in der Vergangenheit eine angemessene Wohnraumversorgung breiter Bevölkerungsschichten gewährleistet werden. Dabei zeichnete sich das 1950 in der BRD eingeführte Fördermodell des Sozialen Wohnungsbaus – im Unterschied sowohl zur Planwirtschaft der DDR oder anderer sozialistischer Staaten als auch zu den Programmen der westeuropäischen Nachbarländer – durch eine Besonderheit aus: Der Status „Sozialwohnung“ war und ist zeitlich begrenzt. Nach Ablauf der Bindungsfristen verbleiben die mit öffentlichen Mitteln errichteten Wohnungen in Privateigentum. Dies ist ein Grund dafür, dass sich der heutige Bestand an Sozialwohnungen in Deutschland trotz Neubau weiter reduziert und Mieter mit massiven Mieterhöhungen konfrontiert werden, sobald der Sozialstatus ihrer Wohnung endet. Vor dem Hintergrund der langen Geschichte mehr oder weniger sozialer Wohnungspolitiken in Europa widmet sich diese internationale Auswahl an historischen und zeitgenössischen Kurzfilmen dem Thema Wohnen als einem der grundsätzlichsten Bedürfnisse des Menschen sowie den Effekten eines vornehmlich profitorientierten Denkens in der Stadt- und Regionalplanung.

Einführung: Florian Wüst

Unser kurzes Leben, Lothar Warneke, DDR 1981
27.10. 21:00 Zazie Kino&Bar
Unser kurzes Leben

Unser kurzes Leben ist eine DEFA-Literaturverfilmung nach Motiven des autobiografisch geprägten, unvollendeten Romans Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann, der 1974 posthum erschien. Die junge, ehrgeizige Architektin Franziska (Simone Frost) geht voller Enthusiasmus in die Provinz, um sich von ihrem bisherigen Professor freizumachen und ihre gescheiterte Ehe hinter sich zu lassen. Dort angekommen wird sie dem bestehenden Stadtarchitekturbüro zugewiesen. Sie trifft auf ein Kollektiv, das längst vor den Zwängen der Praxis kapituliert hat. Franziska aber will die Funktionstrennung von Wohnen, Arbeit und Freizeit, wie sie in einem Neubauprojekt am Stadtrand in Beton gegossen wird, aufheben und regt einen Wettbewerb zur Rekonstruktion der Altstadt an. Im Kipperfahrer Trojanovicz (Gottfried Richter) lernt sie einen neuen Partner kennen, doch die Beziehung scheitert an dessen angepasster Haltung. Die Zusammenarbeit mit ihrem neuen Chef (Hermann Beyer) entwickelt sich hingegen nach anfänglichen Schwierigkeiten positiv. Franziska entschließt sich, nach ihrem Probejahr in der Provinzstadt zu bleiben. Lothar Warnekes Film bietet einen beeindruckend realistischen Blick ins Innenleben der DDR zu Anfang der 1980er Jahre.

Lothar Warneke, DDR 1981, 113 min
Einführung: Florian Wüst

Das Fremde, Detlef Gumm, Hans-Georg Ullrich, DE 1994
31.10. 20:00 Operncafé
Das Fremde

Der vom WDR koproduzierte Dokumentarfilm Das Fremde spürt in der besonderen historischen Situation der Nachwendezeit verschiedenen Erfahrungen der Migration, der Rückkehr und des Fremdseins im eigenen Land nach. Jean-Jerome Chico-Kaleu Mujemba, Doktor der Wirtschaft aus Zaire, geht als „Schwarzer zum Anfassen“ in brandenburgische Schulen, um bei den Kindern Vorurteile abzubauen. Die Gebrüder Wentzel restaurieren ihren einstigen Familienbesitz in Teutschenthal bei Halle, während der junge Graf Solms die Übersiedelung seines Vaters aus Namibia ins Baruther Schloß vorbereitet. Ein Makler aus dem Sauerland will Grundstücke aufkaufen, um Ferienwohnungen für westdeutsche Kapitalanleger zu errichten. In Greifswald bildet eine Hamburger Lehrerin mit türkischem Migrationshintergrund arbeitslose Ingenieure aus. Jugendliche im Zonenrandgebiet beklagen die Zustände, wollen aber von Zuhause nicht weggehen. Als roter Faden, der sich durch den Film zieht, erzählt die in Cottbus geborene Ärztin Gabriela Willbold, Tochter eines afrikanischen Vaters und einer deutschen Mutter, von ihrem Leben mit der anderen Hautfarbe in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland.

Detlef Gumm, Hans-Georg Ullrich, DE 1994, 86 min
Einführung und Moderation: Daniel Herrmann, Florian Wüst
Zu Gast: Detlef Gumm, Hans-Georg Ullrich, Gabriela Willbold

3.11. 19:00 Zazie Kino&Bar
Stadtkörper

Städte seien immer eigensinnig, schreibt der Soziologe Armin Nassehi in der Kursbuch-Ausgabe Stadt. Ansichten vom Juni 2017. In Städten kommt zusammen, was nicht zusammengehört. Ob man will oder nicht. Vielfalt und Verschiedenheit nicht als normative Idee, sondern als Konsequenz eines Ortes, an dem alles gleichzeitig geschieht und sich überlagert, an dem nicht nur Dissenz, sondern Indifferenz herrschen kann: In Städten begegnen sich vor allem Fremde. Das Urbane steht für eine Praxis, die durch Austausch des Unterschiedlichen oder auch nur durch Wahrung von Distanz auf Grundlage gegenseitiger Anerkennung großartige Lebens- und Kulturformen hervorbringt und nebeneinander existieren lässt. Der zwangsläufig konfliktträchtigen Dynamik, die dem urbanen Habitus, wie ihn Nassehi beschreibt, innewohnt, steht seit jeher der Versuch gegenüber, Einheit herzustellen – durch Kontrolle, Planung etc. Dieses im besonderen Maße die gesellschaftliche Entwicklung des 20. Jahrhunderts bestimmende Spannungsfeld thematisiert das Kurzfilmprogramm Stadtkörper durch die Kombination dreier künstlerischer Arbeiten, die mit essayistischen wie performativen Mitteln die fraktalen Räume der Stadt erkunden, imaginativ erweitern oder in diese intervenieren. Der Begriff des Körpers dient als Metapher dafür, Urbanität als ein organisches Gebilde aufzufassen, das genährt und gepflegt werden will und das sich immer auch einer rein rationalen Ordnung entzieht.

Einführung und Moderation: Florian Wüst
Zu Gast: Juliane Henrich

Das Gegenteil von Grau, Matthias Coers, DE 2017
3.11. 21:00 Zazie Kino&Bar
Das Gegenteil von Grau

Brachflächen, Leerstand, Anonymität, Stillstand. Nicht alle zwischen Dortmund und Duisburg wollen sich hiermit abfinden. Im Gegenteil. Immer mehr Menschen, die mit dem ewig neuen lokalen Strukturwandel im Ruhrgebiet konfrontiert sind, entdecken ihre Möglichkeiten und greifen in den städtischen Alltag ein. Wohnzimmer mitten auf der Straße, Stadtteilläden, Mieterinitiativen, Repair-Cafés, Refugees‘ Kitchens und Gemeinschaftsgärten entstehen in den Nischen der Städte – unabhängig, selbstbestimmt und gemeinsam. Matthias Coers, Regisseur von Mietrebellen Widerstand gegen den Ausverkauf der Stadt (2014), zeigt in seinem neuen, in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk „Recht auf Stadt – Ruhr“ entstandenen Dokumentarfilm Das Gegenteil von Grau unterschiedliche Gruppen, die praktische Utopien und Freiräume leben und für ein solidarisches und ökologisches Miteinander im urbanen Raum kämpfen.

Matthias Coers, DE 2017, 90 min
Einführung und Moderation: Florian Wüst
Zu Gast: Matthias Coers